Nachruf auf Prof. Dr. Hans Jörg Fahr (1939-2026)
Nachruf von Michael Bird, Horst Fichtner, Michael Heyl, Uwe Nass,
Gerd Prölss, Max Römer, Horst Scherer, Klaus Scherer,
Norbert Vormbrock, und Eugen Willerding

Am 15. Januar 2026 verstarb Hans-Jörg Helmuth Fahr, theoretischer Astrophysiker und Professor im Ruhestand an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, im Alter von 86 Jahren. Mit ihm verlieren wir einen bis zuletzt hochengagierten Forscher, der nicht nur das Feld der Heliophysik durch neue theoretische Konzepte und durch seine Beteiligung an zahlreichen Raketen- und Satellitenmissionen nachhaltig geprägt hat, sondern auch zahlreiche junge Physikerinnen und Physiker motivierte, in die Weltraumforschung zu gehen.
Hans Fahr wurde 1939 in Hannover geboren, begann 1959 das Studium der Physik, Mathematik und Philosophie an der Universität Bonn und schloss dieses 1964 mit Diplom ab. 1966 promovierte er an Walter Weizels Institut für theoretische Physik mit der Arbeit "Ionenbewegung in Elektrischen Feldern unter Einfluss von Ladungsaustauschstößen". Anschließend wechselte er als wissenschaftlicher Assistent an Wolfgang Priesters Institut für Astrophysik und Extraterrestrische Forschung (IAEF). Zunächst wurde er mit Untersuchungen zur terrestrischen Thermosphäre und Exosphäre unter Einfluss der Sonne betraut. Eher zufällig stieß er damit auf Fragen zur Wechselwirkung der Sonne mit dem interstellaren Medium. Nach seiner Habilitation 1971 im Fach Astrophysik wurde er 1978 zum Universitätsprofessor an der Universität Bonn berufen. Er forschte und lehrte dort weiterhin am IAEF, einem der drei Vorgängerinstitute des heutigen Argelander-Instituts für Astronomie.
Auch nach seiner Emeritierung im Jahre 2005 leistete er wesentliche Beiträge zur Heliophysik, so z.B. als Co-Investigator der NASA Mission "Interstellar Boundary Explorer" (IBEX), deren Start 2009 erfolgte. Diese Mission wies die von ihm lange zuvor vorhergesagte Existenz von interstellaren neutralen Wasserstoffatomen in Sonnennähe nach. Bis zuletzt arbeitete er als Co-PI mit am GLOWS (GLObal Solar Wind Structure)-Experiment des "Space Research Centre" der polnischen Akademie der Wissenschaften, Warschau. Dieses Intrument wurde zusammen mit anderen in den Satelliten "Interstellar Mapping and Acceleration Probe" (IMAP) der NASA integriert. Der Start erfolgte am 24.9.2025 und der offizielle Messbetrieb begann am 1.2.2026, was Hans Fahr sicher noch gerne miterlebt hätte.
Hans Fahr war ein international hochanerkannter Experte auf dem Gebiet der Plasmaphysik im Sonnensystem. Neben der Physik interstellarer Neutralteilchen hat er zahlreiche grundlegende Beiträge zur Physik der Heliosphäre geleistet. Letztere ist die kometenförmige Region, die von dem von der Sonne abströmenden Plasma eingenommen wird und deren äußere Grenze, einem Vorschlag von Hans Fahr folgend, als "Heliopause" bezeichnet wird. Das von ihm so mitbegründete Feld der Heliophysik hatte an der Universität Bonn einen der weltweiten Brennpunkte und seine Gruppe war über viele Jahre an zahlreichen internationalen Programmen beteiligt. Bereits von 1973 bis 1979 war er Vizepräsident und ab 1979 bis 1982 Präsident der noch jungen Kommission Nr. 49 "Das interplanetare Plasma und die Heliosphäre“ der Internationalen Astronomischen Union (IAU) sowie Mitglied des Deutschen COSPAR-Ausschusses und hat auf diese Weise die Heliophysik auch wissenschaftsstrategisch weiter entwickeln können. Das gelang ihm auch auf nationaler Ebene: er war von 1980 bis 1983 der Vorsitzende des "Fachverbandes Extraterrestrische Physik" der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der unabhängigen "Arbeitsgemeinschaft Extraterrestrische Forschung".
Das Interessens- und Aktivitätsspektrum von Hans Fahr reichte allerdings noch sehr viel weiter als die Heliophysik: so hat er auch auf den Gebieten der Planetenatmosphären, der Kosmogonie des Sonnensystems und der Kosmologie gearbeitet. In Verbindung zu letzterer hat er einige kritische Bücher verfasst, in denen zum Ausdruck kommt, dass er sich als studierter Philosoph stets einen Blick "von außen" auf die Naturwissenschaften bewahrt hat.
Das Betreiben der Wissenschaft über nationale Grenzen hinweg war Hans Fahr stets ein großes Anliegen. Im Laufe der Jahrzehnte hat er - lange vor dem Zeitalter internationaler Großkollaborationen - mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von fast allen Kontinenten zusammen gearbeitet. Sehr früh, schon während der Zeit des kalten Krieges, begann er intensive Kooperationen mit führenden Wissenschaftlern der polnischen und gegen Ende der achtziger Jahre auch der russischen Akademie der Wissenschaften, die über Jahrzehnte Bestand hatten. Insbesondere in Anerkennung diesen Teils seiner internationalen Wirkung als Astrophysiker wurde ihm 2003 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Hans Fahr als aktiver Sportler sogar Fußballspiele organisiert hat, um über Länder- und damals noch Blockgrenzen hinweg ein besseres Kennenlernen und eine möglicherweise bessere Zusammenarbeit zu erreichen.
Auch in hohem Alter hat er nie aufgehört, die aktuelle Wissenschaft zu verfolgen, neue Ideen in kritischen Diskussionen intensiv zu hinterfragen und Pläne für weitere Aktivitäten zu machen: sein Wissen, seine Diskussionsfreude und seine angenehme Art Physik und Philosophie zu betreiben, war gelebtes Vorbild und Motivation für seine Schülerinnen und Schüler sowie Kolleginnen und Kollegen. Wir alle haben viel von Hans gelernt, und das nicht beschränkt auf die Wissenschaft: er hatte ein Interesse über die Wissenschaft hinaus, er sah die Person, den Menschen, in jedem, mit dem er wechselwirkte. Sein Wirken wird noch lange Bestand haben.


